14. Sehnsucht und Sublimierung
In seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1917) definierte Freud die Sehnsucht als seelisches Phänomen, das immer dann entsteht, wenn Menschen ihre libidinösen Bedürfnisse nicht befriedigen können und trotz fehlender Befriedigung nicht im Sinne einer Neurose erkranken. Solche Menschen ertragen Trieb-Versagungen und sind dabei nicht sonderlich glücklich; sie entwickeln Sehnsucht als ein Leiden ohne Neurose.
Diese Form des Trieb-Verzichts erinnert an eine andere von Freud beschriebene Form der selbstauferlegten Versagung: an die Sublimierung.
Otto Rank sieht hingegen die Sehnsucht eher als Nährboden der Neurosen, und Alfred Adler ordnet die Sehnsucht als eine Vorstufe neurotischer Störung ein.
In seiner Abhandlung „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) beschreibt Freud weiterhin, dass die Triebe grundsätzlich konservativer Natur sind. Das bedeutet, dass sie den bestehenden Zustand nicht nur erhalten wollen, sondern auch tendenziell zur Rückkehr in einen früheren Zustand führen.
Bei Freud ist dies der Zustand der „ozeanischen Gefühle der großen Symbiose mit Mutter und Vater“ in der frühen Kindheit.
Otto Rank wiederum bezieht sich auf den Zustand vor der Geburt, also intra-uterin, der paradiesisch gewesen sein müsse und durch den Geburtsvorgang abrupt beendet werde, so dass der Mensch eine stetige Sehnsucht nach diesem paradiesischen Zustand entwickele.
Ganz anders hingegen der bereits altersweise Goethe im Jahr 1823:
„Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet, und die echte Sehnsucht muss stets produktiv sein, ein neues Bessres schaffen.“
Als Musik des Tages heute ein Stück von Chopin, die Ballade Nr .2 F-Dur op. 38, gespielt von Krystian Zimerman, den ich in einem tollen Konzert im Juni in Duisburg im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr hörte. Wikipedia schreibt zu dieser Ballade:
"Wie die anderen Balladen von Chopin wurde auch dieses Werk von den „Litauischen Balladen“ seines Landsmannes Adam Mickiewicz inspiriert. Schumann, dem Chopin das Werk aus Dankbarkeit für dessen Widmung der Kreisleriana gewidmet hat, erinnert sich, dass der Komponist ihm die Ballade mit einem Schluss in F-dur vorgespielt hatte, obwohl der veröffentlichte Schluss in a-moll steht.
Zweimal wechseln ein schlicht gesetztes, pastorales Thema schumannscher Prägung und ein stürmischer Mollsatz einander rondoartig ab. Die dramatische Vorlage von Mickiewicz handelt von Mädchen einer versunkenen Stadt, die in Wasserblumen verwandelt worden waren, um den einfallenden russischen Horden zu entgehen. Der schwankende Rhythmus, in dem sich die liedhaft schlichte Melodie des ersten Teiles (Andantino) bewegt, ist perfekt geeignet, um die Erzählung der leise im Wind rauschenden Wasserlilien tonmalerisch zu illustrieren. Der folgende Teil, Presto con fuoco, malt mit Hilfe fallender Tonkaskaden in der rechten Hand sehr drastisch den Einfall der moskowitischen Horden. Der wiederkehrende erste Teil ist diesmal stark abgewandelt, und im Gegensatz zum Anfang bricht hier der dramatische Teil nicht attacca über den Zuhörer herein, sondern die Spannung wird schrittweise im Laufe des sanften Teiles aufgebaut. Der neuerliche Sturm des Prestos wird noch gesteigert durch einen angehängten Agitato-Teil, in welchem sich der Sturm der Gefühle ins Unermessliche zu steigern scheint, bis nach einem abgerissenen harfenähnlichen Akkord noch einmal der Dichter im Stil des sanften Teiles spricht. Das „Leide-Lied“ der verzauberten Mädchen klingt in wenigen Takten aus, diesmal allerdings in a-Moll, der Tonart des stürmischen Teiles, nicht in F-Dur. [...]
Nennenswert sind die Einspielungen von Krystian Zimerman, Evgeny Kissin und Maurizio Pollini."

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