19. Sehnsucht nach dem Walde
Ein kurzer Blick in die deutsche Weltliteratur genügt, um festzustellen, dass der Wald seit Jahrhunderten ein Sehnsuchtsgebiet darstellt.
Er scheint den Menschen Sinn zu geben, ist Ausgleich zum stressigen Stadtleben und stillt das Bedürfnis nach Einsamkeit, Ruhe und Erholung.
Wer hingegen der Meinung ist, dass der Wald eine bloße Ansammlung von Bäumen ist, nimmt ihm seine Entzauberung. Und natürlich ist das Interesse an Ökologie, Nachhaltigkeit, an einem schonenden Umgang mit Ressourcen und an natürliche Kreisläufen – spätestens 30 Jahre nach dem großen Waldsterben – im gesellschaftlichen Mainstream angekommen. Großstädter rollen ihre Yogamatten zwischen den Bäumen aus, um in den Einklang mit der Natur zu kommen und sich zu entspannen. Oder pflanzen ehrenamtlich Bäume.
Der Wald ist für viele ein Sehnsuchtsort. Warum ist das so?
Der Wald, die Wildnis, die Natur stünden heute für den Wunsch nach Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen, so Prof. Thomas Kirchhoff von der TU München. Die Natur stelle eine Gegenwelt zur Zivilisation dar.
In vergangenen Zeiten wurden Wälder, Sümpfe und Gebirge als gefährliche Orte angesehen und als Orte des moralisch Bösen und der Gottesferne.
Dann kam die Waldbegeisterung in der Romantik. Sie sei als Versuch einer Wiederverzauberung der Welt zu verstehen. Kirchhoff verweist auf den Dichter Joseph von Eichendorff, der den Wald als „Hallraum der Seele“ bezeichnet hat. In dieser Zeit sei auch der Topos der Waldeinsamkeit entstanden.
Der Wald wurde zu einer zeitlosen heilen Welt, zum Symbol für Dauerhaftigkeit, zu einem Schutzraum, in dem die guten alten Werte noch lebendig erscheinen. „Erst unter dem Blätterhimmel wird der Mensch zum Menschen“, so Ludwig Tieck.
Begriffe wie Waldbaden, Waldbegeisterung, Waldpädagogik zeugen von der anhaltenden Sehnsucht nach diesen besonderen Orten.
Musik: 3. Sinfonie F-Dur op. 90 von Brahms. Das ist nun ganz sicher nicht im Randbereich des klassisch-romantischen Kanons, sondern mitten drin. Besonders populär ist der dritte Satz. „Brahms stilisiert eine einfache volksliedhafte Melodie durch kleine Veränderungen zu einem "Valse triste" mit harmonischen Effekten und einer zutiefst romantischen Orchestrierung.“
„Wie ist man von Anfang bis zu Ende umfangen von dem geheimnisvollen Zauber des Waldlebens! Ich könnte nicht sagen, welcher Satz mir der liebste? …. Der dritte Satz scheint mir eine Perle, aber es ist eine graue, von einer Wehmutsträne umflossen; am Schluß die Modulation ist ganz wunderbar.“ So lobte Clara Schumann in einem Brief an Brahms.
Zitiert aus Wikipedia

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