21. Suche nach Auflösung - das Sehnsuchtsmotiv bei Wagner
Wagners Ehrgeiz war es, die größte Liebesmusik zu komponieren, die man je gehört hatte. Um dies zu erreichen, musste er für „Tristan und Isolde“ einen neue musikalische Sprache erfinden. Er wurde diesem Anspruch gerecht und komponierte ein Werk, das mit seiner sinnlichen, mitreißenden Chromatik die Welt der klassischen Musik für die nächsten fast 100 Jahre enorm beeinflussen sollte.
Schon die ersten drei Töne des Vorspiels sind Merkmale des Unglücks: Der erste Sprung zur langen Note is die kleine Sexte (das klassische bedrohliche Intervall, in der Strebetendenz-Theorie (siehe den Beitrag vom 15. Dezember) mit dem emotionalen Charakter von Bedrohung, Gefahr, Angst, Beklemmungsgefühle beschrieben. Der nächste Sprung ist eine kleine Sekunde (die höchstmögliche Dissonanz).
Bereits im dritten Takt lassen die Oboen das Sehnsuchtsmotiv erklingen, dessen Beginn mit dem Ende des Leidensmotivs zusammenfällt. Bei diesem Zusammentreffen der beiden Motive erklingt der legendäre Tristan-Akkord, ein Akkord mit einer seltsam schwebenden Dissonanz, der weder Schmerz noch Freude ausdrückt, sondern eine Art „unbestimmte Suche nach Auflösung“. Aber diese Dissonanz wird durch das Sehnsuchtsmotiv nicht aufgelöst. Und nun geschieht das Revolutionäre, nach etwa 1’30’’ bricht eine schmerzhaft süße Sequenz aus den Violinen und Bratschen in f aus, die sich wiederum drängend aufzulösen versucht. Aber die Auflösung kommt nicht, denn mit dem Erreichen des Zieltons ist eine weitere Dissonanz entstanden, und so weiter. Während des gesamten Vorspiels sucht die Musik nach der Auflösung dieser seltsam schmerzhaften und ungewissen Dissonanz und findet sie nicht. Es ist, um mit Wagners Worten zu sprechen, eine „Sehnsucht“, deren Verlangen „unstillbar und ewig erneuert“ ist.
Hier kommt also das Vorspiel zu Tristan und Isolde in einer historischen Live-Aufnahme von 1983 mit Leonard Bernstein und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Nicht Tristan, sondern Parsifal hörte und sah ich im Oktober in der Oper am Rhein mit großem Genuss und tiefer Bewegung.

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