22. Nostalgie / Utopie
Der Sehnsucht ist Dreizeitigkeit zu eigen: Sie ist auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart und auf die Zukunft ausgerichtet. Sie gilt künftigen Zeiten in Form von Utopie und vergangenen Zeiten in Form von Nostalgie, ausgehend vom Unruhe stiftenden Hier und Jetzt in seiner Dramaturgie.
„Erst mal ist Nostalgie die Erinnerung an etwas, das uns im wahrsten Sinne des Wortes warm ums Herz werden lässt.“ Der Glücksforscher Tobias Esch von der Universität Witten/Herdecke bestätigt: „Eine positive Erinnerung an etwas, was heimelig und damit insgesamt beruhigend auf uns einwirkt, uns das Gefühl von ‚zu Hause sein‘ gibt.“ Wirkung nostalgischer Erinnerungen ist auch biologisch messbar. Unser Gehirn schüttet Glückshormone aus, wenn wir uns an schöne Erlebnisse erinnern.
„Das führt interessanterweise tatsächlich dazu, dass sogar die Körperkerntemperatur angehoben wird. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern daraus ergeben sich harte biologische, körperliche, physiologische Veränderungen und Konsequenzen“, sagt der Neurowissenschaftler.
Demnach ist das nostalgische Gefühl von Heimeligkeit, von Beschütztsein und Verbundenheit mit Neurotransmittern, neurobiologisch gesehen mit zum Beispiel Botenstoffen wie dem Kuschelhormon Oxytocin verbunden. Etwas, das zum Beispiel Schmerz lindert oder eben wie beim Oxytocin auch Wärme spendet.
Wenn also Nostalgie Wärme spendet, so scheint die Utopie ein eher kühler Ort zu sein.
Oder eigentlich ja ein „Nicht-Ort“, so die eine altgriechische Wortbedeutung, die andere lautet „schöner Ort“. Erstmals öffentlich wurde der Begriff und das Wortspiel durch Thomas Morus (Schatzkanzler von Heinrich VIII.) im Jahr 1516 in seinem Roman"Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“.
Utopie ist nach Bloch „Denken nach Vorn“, Brecht schrieb ein Gedicht über die „Utopie von der Abschaffung der Kälte“. Die Suche nach der idealen Gesellschaftsordnung vermag jedenfalls weder bei bei Fritz Langs Metropolis noch bei Friedrich Hayek und erst recht nicht bei den im 20. Jahrhundert vorherrschenden Dystopien von Orwell bis Huxley warme Gefühle zu erzeugen.
(Wer einmal eine philosophische Diskussion über die Kälte-Metaphorik in der modernen deutschen Literatur lesen mag, findet hier eine Dissertation dazu, die sich sehr interessant liest: https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3513/1513.pdf)
Musikalisch stelle ich heute ein ein Flötenstück von Mel Bonis vor, einer französischen Komponistin, die von 1858 bis 1937 lebte. Gehört habe ich dieses Stück bei einem Familienfest in Herzogenaurach im Mai, gespielt vom fabelhaften Ensemble Tityre, das ein zauberhaftes Programm dargeboten hat.

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